Bitcoin, oder: Vom Leveraged Buyout der Vernunft

Die Internetwährung Bitcoin, lese ich auf der Website des Austrian Institute in einem Beitrag von Nikolaus Jilch, basiere „auf den Prinzipien der österreichischen Geldtheorie“ und bringe „heute die Ideen der alten Österreicher einer ganz neuen Generation näher“. Tatsächlich hat sich bereits Friedrich August von Hayek, einer der wichtigsten Ökonomen der Österreichischen Schule der Nationalökonomie, für konkurrierende private Geldsysteme eingesetzt.

Man kann den Zusammenhang aber auch ganz anders, nämlich unter negativem Vorzeichen sehen. Und zwar als Warnung vor den Gefahren der konkurrierenden privaten Geldsysteme, die Friedrich Hayek vorschwebten. Wobei die Bitcoin-Blase freilich nur eines unter einer unbekannten Zahl von potentiellen Risiken ist, die in Experimenten mit dem Geldsystem schlummern und die man sich meistens erst dann vorstellen kann, wenn sie schlagend geworden sind.

Hayek war ein Mentor von Milton Friedman. In der Frage der privaten Währungen gerieten sie allerdings aneinander. Hayek meinte, die beste werde sich eben durchsetzen, wobei freilich das Schicksal der Menschen, die sich, freiwillig oder unfreiwillig, auf ein im Konkurrenzkampf untergegangenes Geld verlassen hatten, offen blieb. Friedman wollte nicht so weit gehen, was für seine Vernunft spricht, aber die Konjunktur über die Geldmenge steuern, was nicht unbedingt für die überlegene Vernunft spricht, die er für sich beanspruchte.

Bitcoin war als Geldsystem konzipiert und mutierte zum mit Geld erworbenen Spekulationsobjekt. Hypes dieser Art pflegt der Absturz zu folgen und den wenigen, denen es gelingt, im richtigen Moment auszusteigen und ihren Gewinn mitzunehmen, stehen die vielen gegenüber, denen dies nicht gelingt. Charly Chaplin und Herbert Hoover waren unter den Glücklichen. Rembrandt, Isaac Newton und Jonathan Swift, allesamt keine Dummköpfe, fielen auf die Nase.

In solchen Fällen verdient eine mehr oder weniger große Zahl von Leuten ein Vermögen. Viele verpassen den Moment zum Aussteigen und sind all das schöne Geld wieder los. Prominente Beispiele stehen für die große Zahl der anonym Gebliebenen. Der neue US-Präsident Herbert Hoover, der dem Boom misstraute, ohne es laut zu sagen, verkaufte, ebenso wie Charly Chaplin, 1929 wenige Monate vor dem großen Crash seine Aktien. Rembrandt blieb im Februar 1637 ebenso wie sein Malerkollege Jan van Goyen auf seinen Tulpenzwiebeln sitzen und verlor sein ganzes Vermögen. 83 Jahre nach der holländischen Tulpenzwiebelblase zählten in England Isaac Newton und Jonathan Swift zu den Opfern der sogenannten Südseeblase. König Georg I. soll rechtzeitig abgesprungen sein.

Holland hatte im Februar 1637 bereits jahrelang in einem wahren Tulenzwiebelrausch gelebt. Im Januar hatte das immer neue Blüten treibende Spekulationsfieber seinen Höhepunkt erreicht. Für eine einzige Zwiebel der Sorte Semper Augustus sollen in einem Fall 10.000 Gulden bezahlt worden sein, vierzig Jahresgehälter eines Zimmermannes, rund das Sechsfache des Honorars, das Rembrandt einige Jahre später für seine „Nachtwache“ erhielt. Am 5. Februar wurde in Alkmaar noch eifrig gehandelt, im 40 Kilometer entfernten Haarlem hatte schon zwei Tage zuvor kein Händler mehr einen Kauf riskiert. Am 7. Februar geschah es dann. Die Tulpenzwiebel-Investments waren plötzlich gerade noch fünf Prozent dessen wert, was sie wenige Tage vorher gekostet hatten. Nur die kostbarsten Zwiebeln fanden überhaupt noch Käufer – reiche Liebhaber, welche die teure, aus der Türkei stammende Pflanze auch schon vorher für ihre Gärten angeschafft hatten.

Bald nachdem der Botaniker Carolus Clusius Österreich wegen seines evangelischen Glaubens verlassen und die Tulpe nach Holland mitgebracht hatte, begannen sich Geschichten von Raub und Diebstahl um Europas jüngstes Luxusgut zu ranken. Ein Mosaikvirus, das heute zur sofortigen Ausscheidung der befallenen Pflanze führt, half den Gärtnern, eine Fülle attraktiv gemusterter Sorten zu züchten, darunter die „Semper Augustus“. Die Parallele ist unübersehbar: Im Holland des 17. Jahrhunderts wurde die Tulpe, indem sie zum Spekulationsobjekt wurde, von ihrer eigentlichen Funktion, die Gärten der Reichen zu schmücken, losgelöst. Bitcoin, als Internet-Zahlungsmittel gedacht, ist genau dasselbe passiert. Mit Bitcoin kann man spekulieren, aber kein Haus und keine Hose bezahlen.

Der Tulpenwahn brachte bereits Termin- und Optionsgeschäfte hervor, ja selbst Optionen auf Anteile an einer Tulpenzwiebel. Der Ablauf wurde zum klassischen Modell zur Erklärung ähnlicher Krisen. In einer langen Phase immer schnellerer Wertsteigerungen entdecken immer mehr Menschen die neue Möglichkeit, schnell reich zu werden. Die Wertsteigerung beschleunigt sich, es folgt eine meistens kürzere Phase der Überhitzung. Jetzt noch einzusteigen, kommt einem finanziellen russischen Roulette gleich, denn die Blase kann jederzeit platzen, aber diese Phase ist auch jene, in welcher das Aussetzen des Verstandes zum Massenphänomen wird.

Mit dem Optioment-Betrug kann man die Bitcoin-Blase trotz allem nicht vergleichen, obwohl es auch für jene Hereingefallenen, die sich nun fragen, wie ihnen das passieren konnte, einen kleinen Trost gibt: Sie waren nicht dumm, sondern wurden Opfer eines in der Zoologie als Herdentrieb bekannten, bei bestimmten Gelegenheiten auch beim Menschen zuschlagenden psychologischen Mechanismus, der auch eine Menge in Panik kopflos werden lässt. Die Optioment-Opfer wurden von Leuten, die sich jetzt selbst als Opfer sehen oder gesehen werden wollen, mit frappierendem Knowhow manipuliert. Die Begeisterung über die einmalige Gelegenheit, sein Geld um zwei, drei, vier Prozent pro Woche zu vermehren, muss an Ausbrüche politischer Massenhysterie gegrenzt haben – die dabei ausgenützten Mechanismen haben verdächtige Ähnlichkeit.

In Fällen wie jenen der Tulpenblase und der Börsenüberhitzung von 1929 ist das Zusammenspiel von Massenpsychologie und individueller Schuld komplizierter, aber das Erwachen ist stets ein mit Scham verbundener Schock. Für die nüchtern denkenden Holländer waren Schock und Scham ein kollektives Erlebnis. Nach einem Jahr der Ratlosigkeit und der gescheiterten Versuche, das Problem der uneinbringlichen Forderungen zu regeln, wurden Schlichtungskommissionen eingerichtet. Die meisten Kontrahenten einigten sich auf Ausgleichszahlungen von drei bis fünf Prozent. Doch dank Hollands gewaltiger Wirtschaftskraft kam es zu keiner Rezession.

Der Schotte John Law galt lange nur als Schwindler, Glücksspieler und Bankrotteur, bis der Österreicher Joseph Schumpeter einen Platz in der ersten Reihe der großen Geldtheoretiker für ihn reklamierte. In einem 1705 erschienenen Buch schlug er Grundvermögen neben den Edelmetallen als Deckung für das Papiergeld vor. Damals gab es bereits gute Erfahrungen mit dem goldgedeckten Papiergeld der Bank von Amsterdam und enttäuschende mit dem Papiergeld einer Stockholmer Bank. Frankreich lavierte am Rande des Staatsbankrotts. Schuld daran war der von König Ludwig XIV. in den 72 Jahren seiner Herrschaft mit Luxusbedürfnissen und Kriegen angehäufte Schuldenberg. Law konnte den Herzog von Orléans für seine Ideen gewinnen. Er druckte Geld und gründete die Compagnie d’Occident. Die sollte Staatsschulden aufkaufen und die dabei entstehenden Verluste durch die Ausbeutung der Naturschätze im heutigen Louisiana wettmachen. Law trieb mit allerlei Tricks, die auch heute noch üblich sind, die Kurse der Compagnie in die Höhe. Leider war am Mississippi damals genau so wenig zu holen wie Ende des 20. Jahrhunderts in den phantastischen Gefilden der New Economy. Außerdem floss Geld nach England ab, wo die Südseeblase womöglich noch größere Gewinne versprach.

Auch England steckte tief in Schulden. Ähnlich wie die Mississippi-AG in Frankreich sollte die South Sea Company Staatsschulden übernehmen und dafür Ausbeutungsrechte in Südamerika erhalten. 1720 platzten beide Blasen. Law setzte sich nach Italien ab. Er hatte, wie sich später zeigte, eine Menge adeliger Spekulanten arm gemacht, aber mit seinen Banknoten die Wirtschaft belebt, Strassenbauten und andere Projekte ermöglicht und die Staatsschulden zwar nicht gesenkt, aber stabilisiert. England rauschte in eine tiefe Rezession. Im Unterhaus soll damals der Antrag gestellt worden sein, die Schuldigen zusammen mit Schlangen in Säcke einzunähen und in die Themse zu werfen. Auch Jonathan Swift reagierte sich ab und schenkte der Welt eine unsterbliche Satire auf die herrschende Klasse und die Natur des Menschen: Gullivers Reisen.

Die Blase, die im Herbst 2008 platzte, war mit kaum weniger luftigen Werten als Optionen auf Anteile an einer Tulpenzwiebel gefüllt und sie wurden immer luftiger und luftiger. Die realen Märkte waren voll innovativer Produkte. Warum sollten die Anlagemärkte zurückstehen? Geld war in Fülle vorhanden und strebte nach Möglichkeiten, sich zu vermehren. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts erübrigte es sich, Mississippi-Gewinne und südamerikanische Reichtümer zu versprechen. Weit davon entfernt, bloß ein irritierender Begleitumstand zu sein, wurde die Undurchschaubarkeit der Finanzprodukte konstitutiv für das neue System. Er habe, sagte der Mitbegründer des Softwarekonzerns SAP Hasso Plattner in einem Interview, seinen persönlichen Vermögensberater „in den vergangenen Monaten auch mal gefragt, ob wir zum Beispiel Derivate besitzen. Wir hatten sie nicht. Ich verstehe die nämlich nicht. Das ganze Geschäftsmodell. Das habe ich sogar mal im Konzern gesagt, als das Thema dort aufkam. Da haben manche noch gelächelt.“

Dieses Lächeln war weit davon entfernt, das Lächeln derer zu sein, die die Zusammenhänge noch verstanden – es war das überlegene Lächeln der Wissenden. Sie lächelten über ein Auslaufmodell, das die Werkzeuge, die der moderne Mensch souverän handhabte, noch durchschauen wollte und in einer Welt geheimnisvoller Platinen, die alle gleich aussehen, was immer sie bewirken, nach dem Zusammenspiel von Zahnrädern und Hebeln suchte. Es war ein Lächeln vom hohen Sockel des Bewusstseins herab, dass selbst die hochspezialisierten Finanzmathematiker, die Schöpfer all dieser Produkte, ihre eigenen Kreationen nicht mehr verstanden und sich auf ihre Computer verließen. Dieses ganze hochkomplexe System war schließlich nicht dazu da, durchschaut zu werden, sondern Gewinne zu produzieren. Und das tat es zunächst.

Dabei war nicht weniger Leichtgläubigkeit im Spiel als zu Rembrandts und Newtons Zeiten. Auf das Geld projiziert der Mensch erfüllbare wie unerfüllbare Wünsche, ums Geld ranken sich seine Träume von einem besseren Leben. Der Hauch einer winzigen Gewinnchance lässt Millionen jede Woche um die Euromillionen spielen – und bis zur Ziehung vom großen Geld träumen. Sie bezahlen mit den wenigen Euro für den Wettschein nicht nur die minimalen Chancen ihres bescheidenen Investments, sondern vor allem den Traum. An der Börse ist die Möglichkeit, reich zu werden, um einiges größer und der Kompromiss des träumenden Ich mit dem realistischen Ich fällt leichter. Geht es hart auf hart in dem Konflikt, den der Österreicher Johann Nestroy auf die köstliche Formel gebracht hat „wer der Stärckere is, ich oder ich“, hat es das leichtgläubige Ich umso leichter, je zeitgeistiger sich die Verführung maskiert und je überzeugender sie auftritt.

Im 18. Jahrhundert waren die Schätze, die in fernen Ländern auf den warteten, der sie hob, eine mächtige Verführung, wie die Mississippi- und die Südsee-Blase bewiesen. Unter der Südsee wurde um 1720 noch Südamerika verstanden. Aber selbst noch im frühen 19. Jahrhundert mit seinem bereits viel besseren geographischen Wissen war die Anziehungskraft ferner Länder ein gutes Werkzeug für einen leveraged buyout der Vernunft. Allerdings muss der Schotte Gregor MacGregor ein wahres Genie der Kunst gewesen sein, Menschen zu überzeugen.

Er war ja auch ein ganz besonderes Sonntagskind, geboren am Heiligen Abend des Jahres 1786, der auf einen Sonntag fiel. Er trat in die Dienste des südamerikanischen Freiheitshelden Simón Bolívar, wurde General und Bolívars Schwiegersohn, kehrte nach England zurück und vermarktete, als „Fürst von Poyais“, die nikaraguanische Moskitoküste. Wie schon der Name sagt, handelte es sich um einen ungesunden, fast unbewohnten, damals völlig unerschlossenen Landstreifen, der von den europäischen Siedlern wieder verlassen worden war. MacGregor baute auf die Anziehungskraft exotischer Länder – und auf die Wirkung großzügiger Schmiergelder. Er erfand eine blühende Hauptstadt mit modernen Bauten einschließlich Parlament und Oper, verkaufte poyaisischen Grundbesitz, wechselte gute englische Pfunde in poyaisisches Phantasiegeld, legte eine 200.000-Pfund-Anleihe auf, deren Anteile binnen weniger Wochen ausverkauft waren und wurde sogar als Sir Gregor in den Adelsstand erhoben. Die von Sir Gregor verführten Auswanderer strandeten an der öden Küste, ein Teil starb, die Übrigen kehrten wütend zurück, weitere Auswandererschiffe wurden von der Marine abgefangen.

Das Erstaunliche am Fall MacGregor: Er war kurz in Haft, wurde aber nie bestraft. Vielleicht scheuten die Betrogenen die öffentliche Blamage. Sir Gregor verzehrte fast zwanzig Jahre lang in Großbritannien sein erschwindeltes Vermögen und beantragte, als es verbraucht war, die Wiedereinsetzung in seinen venezolanischen Generalsrang nebst sofortiger Pensionierung. Beides wurde gewährt. Er starb als wohlhabender Pensionist in Caracas. Aber vielleicht ist dieses Happy End doch nicht so erstaunlich. Auch so mancher Urheber der Katastrophe von 2008, den viele nur zu gerne mit Schlangen in einen Sack eingenäht und in die Themse oder in den Hudson geworfen hätten, bekam schließlich selbst noch nach dem Platzen der Blase seine millionenschweren Abfertigungen und Boni und lässt es sich heute gut gehen.

Erstabdruck: Die Presse, 9.12.2017, aktualisiert

 

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